Beim Rückbau eines Kernkraftwerks fallen radioaktive Reststoffe sowie ausgebaute oder abgebaute Anlagenteile an; auf dem Anlagengelände können Gebäude verbleiben. Diese müssen schadlos verwertet, als radioaktiver Abfall entsorgt oder weiterverwendet werden. Für den Kontrollbereich eines Kernkraftwerkes einschließlich der Gebäude kann zum Beispiel von Rückbaumassen in der Größenordnung von 200.000 Megagramm (Mg) ausgegangen werden. Erfahrungsgemäß sind circa drei Prozent der daraus entstehenden Stoffströme als radioaktiver Abfall zu entsorgen. Der weitaus größte Teil der Stoffströme, circa 97 Prozent, ist jedoch nicht oder nur in einem vernachlässigbar geringem Maße radioaktiv. Diese Rückbaumassen können als Nichtabfall verwendet oder als Abfall der ordnungsgemäßen und schadlosen Verwertung oder der gemeinwohlverträglichen Beseitigung zugeführt, in der Fachsprache "freigegeben", werden. Dabei können auch Gebäude einer "Freigabe" zugeführt werden. Ein in der Regel kleiner Teil der Rückbaumassen des Kontrollbereichs wird unter Verbleib in der atom- und strahlenschutzrechtlichen Überwachung weiterverwendet und trägt nicht zu den Stoffströmen bei.

Zur Freigabe durchlaufen die Rückbaumassen auch bei fehlender oder nur vernachlässigbar geringer Radioaktivität ein rechtlich festgelegtes, detailliert geregeltes, umfassend dokumentiertes und mehrfach qualitätsgesichertes Verfahren (Freigabeverfahren). Hierdurch wird die radiologische Unbedenklichkeit der freigegebenen Massen sichergestellt.

Die Freigabe ist in der Strahlenschutzverordnung geregelt. Die Regelungen basieren unter anderem auf europäischen Richtlinien (Richtlinie 96/29/Euratom) sowie Empfehlungen der deutschen Strahlenschutzkommission SSK (Empfehlungen der SSK vom 12.02.1998, Bundesanzeiger vom 15.10.1998; Empfehlungen der SSK vom 06.12.2006, Bundesanzeiger vom 22.06.2007). Die Freigabe bewirkt die sogenannte Entlassung radioaktiver Stoffe sowie beweglicher Gegenstände, von Gebäuden, Bodenflächen, Anlagen oder Anlagenteilen aus der atom- und strahlenschutzrechtlichen Überwachung. Dazu müssen unter anderem geeignete Freimessungen durchgeführt werden.

Die Strahlenschutzverordnung listet in einer ihr anliegenden umfangreichen Tabelle die für die Freigabe einzuhaltenden Freigabewerte für alle wesentlichen Radionuklide auf. Daneben legt sie die einzuhaltenden Randbedingungen für die Freigabe fest. Dabei wird zwischen verschiedenen Arten der Freigabe unterschieden.

Arten der Freigabe

Bei der Freigabe unterscheidet man zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Arten. Nach einer uneingeschränkten Freigabe unterliegen die Stoffe keinerlei Einschränkungen hinsichtlich der späteren Verwendung oder Verwertung. Ist eine Freigabe nicht uneingeschränkt, müssen die freigegebenen Stoffe einem bestimmten Zweck zugeführt werden. Sie können zum Beispiel deponiert, verbrannt oder im Falle von Metallen eingeschmolzen werden. In jedem Fall ist die radiologische Unbedenklichkeit nachzuweisen. In der Strahlenschutzverordnung werden zu den Freigabearten folgende Freigabeoptionen aufgeführt:

1. Uneingeschränkte Freigabe von

  • festen und flüssigen Stoffen, 
  • Bauschutt, Bodenaushub,
  • Bodenflächen, 
  • Gebäuden zur Wieder- und Weiterverwendung.

2. Freigabe von

  • festen Stoffen zur Beseitigung auf Deponien,
  • festen und flüssigen Stoffen zur Beseitigung in Verbrennungsanlagen, 
  • Gebäuden zum Abriss, 
  • Metallschrott zur Rezyklierung (Einschmelzen, Wiederverwertung). 

Die atom- oder strahlenschutzrechtliche Behörde des Bundeslandes, in dem die Freigabe stattfindet, ist für den Vollzug der Freigabe zuständig. Dabei kann sie auch Sachverständige, wie zum Beispiel den TÜV hinzuziehen. Die Schritte des Verfahrens und die für die Freimessung eingesetzte Messtechnik müssen nachweislich geeignet sein. Die in der Strahlenschutzverordnung festgelegten Randbedingungen sind einzuhalten. Solche Randbedingungen sind beispielsweise:

  • Die Voraussetzungen für eine Freigabe dürfen nicht zielgerichtet durch Vermischen oder Verdünnen des freizugebenden Materials herbeigeführt werden (Verdünnungsverbot).
  • Die Freimessung eines Gebäudes soll grundsätzlich an der sogenannten stehenden Struktur erfolgen, das heißt vor dessen Abriss, so dass eventuell kontaminierte von aktivitätsfreien Teilen noch getrennt werden können. 

Durch eine Dekontamination können Kontaminationen von Reststoffen und Anlagenteilen entfernt werden. Bei radiologischer Unbedenklichkeit ist danach eine Freigabe möglich. Die entfernten Kontaminationen sind als radioaktive Abfälle zu entsorgen. Stoffe, die das Freigabeverfahren nicht erfolgreich durchlaufen, dürfen nicht freigegeben werden. Sie verbleiben in der atom- und strahlenschutzrechtlichen Überwachung beziehungsweise sind als radioaktive Abfälle zu entsorgen.

Zulässige Strahlenexposition durch freigegebene Stoffe

Die radiologische Unbedenklichkeit ist Voraussetzung für die Freigabe. Maßgebliches Kriterium hierfür ist das international anerkannte „10-Mikrosievert-Konzept“ (IAEO Safety Series No. 89, ISBN 92-0-123888-6). Ein radioaktiver Stoff darf nur dann freigegeben werden, wenn durch ihn im ungünstigsten Fall für Einzelpersonen der Bevölkerung nur eine zusätzliche Strahlenbelastung, ausgedrückt durch eine sogenannte effektive Dosis, im Bereich von 10 Mikrosievert im Kalenderjahr auftreten kann. Nach internationalen Maßstäben gilt diese Zusatzdosis als unbedenklich. Sie gilt als vernachlässigbar im Vergleich zur mittleren natürlichen Strahlenbelastung, die in Deutschland etwa 2.100 Mikrosievert im Kalenderjahr beträgt, also das 200-fache. Die natürliche Strahlenexposition resultiert zum Beispiel aus kosmischer Strahlung oder in der Erdkruste vorkommender Radioaktivität. Auf Grundlage des 10-Mikrosievert-Konzeptes wurden auch in anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union verbindliche Freigaberegelungen entwickelt. Weitere Staaten, zum Beispiel USA und Japan, kennen dieses Konzept ebenfalls.

Freigegebene Stoffe können aufgrund ihrer radiologischen Unbedenklichkeit als konventionelle Abfälle entsorgt werden. Durch die Freigabe unterliegen sie grundsätzlich dem konventionellen Abfallrecht und nicht mehr dem Atom- und Strahlenschutzrecht. Für den Vollzug des Abfallrechts sind die Bundesländer zuständig. Verantwortlich für die ordnungsgemäße und schadlose Entsorgung sind als Abfallerzeuger und -besitzer die Kernkraftwerksbetreiber.  

Mengenaufkommen freigegebener Stoffe

Die zu erwartenden Massen fallen bedingt durch den sukzessiven Rückbau eines Kernkraftwerks über viele Jahre verteilt an. Es handelt sich dabei weit überwiegend um mineralische Abfälle wie Bauschutt. Verglichen mit dem jährlichen Gesamtaufkommen mineralischer Abfälle in Deutschland sind die insgesamt aus allen Rückbauprojekten der deutschen Kernkraftwerke zu erwartenden Massen als gering einzuschätzen. 

Fortentwicklung der Freigaberegelungen

Die Freigaberegelungen der Europäischen Richtlinie zur Festlegung grundlegender Sicherheitsnormen für den Schutz vor den Gefahren einer Exposition gegenüber ionisierender Strahlung (Richtlinie 2013/59/Euratom) werden in nationales Recht umgesetzt.